Ein Land voller Hass

Artikelinfo
Datum: 
29.01.2014
Autor: 
Johannes Dieterich
Quelle: 
Badische Zeitung

Milizen der Christen und Muslime bekämpfen sich in der Zentralafrikanischen Republik mit aller Brutalität / Den Menschen fehlt es an Krankenversorgung.

 

Bangui, Hauptstadt der Staatsruine, die sich Zentralafrikanische Republik nennt, Sonntag um sieben Uhr morgens. Vor dem Hotel Levy, das sich seiner schäbigen Umgebung angeglichen hat, wartet Volker Rath auf den Wagen, der ihn in den Nordwesten des Landes bringen soll: Dort will der Projektmanager der Kölner Hilfsorganisation Cap Anamur einen geeigneten Standort für eine Krankenstation ausfindig machen. Doch der am Vortag angeheuerte Fahrer lässt schließlich ausrichten, dass er es sich noch mal anders überlegt habe: Die jüngsten Nachrichten aus dem wilden Nordwesten ließen die Reise als zu gefährlich erscheinen. Auch das in Aussicht gestellte höhere Honorar überzeugt ihn nicht. Die Sorgen des muslimischen Chauffeurs um seine Sicherheit sind offenbar zu gravierend, als dass sie Geld aus der Welt schaffen könnte.

Volker Rath sieht sich in der Wahl seines Reisezieles dadurch eigentlich nur bestätigt. Schließlich soll das Projekt dort angesiedelt sein, wo die Hilfe am nötigsten ist. "Doch wenn man da nicht hinkommt", sagt der ergraute 51-Jährige, der in seinem früheren Leben für satten Ton auf Rockkonzerten sorgte, "dann macht das natürlich keinen Sinn."


Auf jeden Fall hat Rath jetzt keine Zeit mehr zu verlieren. Die Lage in dem zentralafrikanischen Chaosstaat spitzt sich von Tag zu Tag zu. Schon warnen die Vereinten Nationen vor einer humanitären Katastrophe. Weil auch deren Fahrern die Fahrt zu gefährlich ist, stecken Dutzende von Lastwagen des UN-Welternährungsprogramms seit Wochen im Nachbarland Kamerun fest. Mehr als eine Million Vertriebene drohen tödlichen Krankheiten, Hunger oder dem Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen zum Opfer zu fallen.

Es muss jetzt schleunigst ein Fahrer her – und nach zwei Stunden hektischer Telefoniererei ist tatsächlich ein Mutiger gefunden. Dessen Auto ist zwar vermutlich geklaut, aber das weiß Rath zu diesem Zeitpunkt nicht. Und manchmal gibt es auch Wichtigeres als kleine Eigentumsdelikte.

Das Chaos hat freilich längst die Hauptstadt erreicht. Dort haben sich rund 100 000 Christen auf einem offenen Gelände neben dem Flughafen, den französische Soldaten kontrollieren, in Sicherheit gebracht. Tausende von Muslimen verschanzen sich auf der anderen Seite in ihren Vierteln. Zwischen beiden Gruppen kommt es täglich zu gewalttätigen Konfrontationen, Morden und Gräueltaten.

"Hier ist immer was los", sagt ein Leutnant aus Paris, der am Stadtrand von Bangui eine Straßensperre befehligt. Zwölf Kilometer vom Zentrum entfernt, stoßen hier ein christlicher und ein muslimischer Stadtteil aufeinander. Am Tag zuvor sollen Muslime vier Christen die Kehle durchgeschnitten, vor zwei Tagen hat ein christlicher Mob angeblich zwei Muslime angezündet; im Verlauf des Tages werden hier weitere sieben Muslime ihr Leben verlieren.

Die Meuchelmorde in der Hauptstadt seien ein Fall fürs Militär, meint Rath. Die vielen Hilfsorganisationen stünden sich hier nur auf den Füßen herum. Also raus in die Provinz. Die Hauptverkehrsader zwischen Bangui und dem Nachbarland Kamerun stellt sich als Geisterstraße heraus. Den ganzen Tag über kommen bei der Fahrt höchstens fünf Autos entgegen. Bald sind auch verbrannte Hütten zu sehen, später folgt ein Dorf, dessen entlang der Straße aufgereihte Geschäfte allesamt ausgeplündert und angezündet worden sind.


Dermaßen drastisch habe er sich das nicht vorgestellt, sagt Rath, der mit bestem Willen nicht das Ausmaß und die Hintergründe aller Krisenherde, in die er von seiner Organisation geschickt wird, im Detail kennen kann. Gescheiterte Staaten wie Somalia oder der Kongo, in denen der Wilhelmshavener bereits Jahre verbracht hat, können selbst Konfliktexperten zur Verzweiflung treiben. Zweifellos zählt inzwischen auch die Zentralafrikanische Republik zu den Härtefällen.

Die ehemalige französische Kolonie kam in ihrer 53-jährigen Geschichte niemals zur Ruhe. Das 4,6 Millionen Einwohner zählende Land erlebte zehn Umstürze oder Putschversuche und wurde zeitweise von Psychopathen wie dem menschenfressenden Kaiser Bokassa regiert. Von anderen Unruhestaaten wie dem Kongo, dem Tschad und Sudan umgeben, wird die Republik auch von ausländischen Rebellen destabilisiert. Der muslimischen Rebellentruppe Séléka, die im März des vergangenen Jahres den christlichen Präsidenten François Bozizé außer Landes jagte, hatten sich zahlreiche tschadische und sudanesische Haudegen angeschlossen. Die sind selbst nach den Worten des Séléka-Generalsekretärs Moustapha Saboun nur schwer zu kontrollieren. In Reaktion auf ihre brutale Herrschaft haben sich Mitte 2013 christliche Milizen formiert, die sogenannten Anti-Balaka. Die sorgen nun ihrerseits für Terror.

Ihre erste Straßensperre haben die Anti-Balaka-Milizionäre knapp zwei Autostunden außerhalb Banguis errichtet. Um die schmächtigen Körper der meist minderjährigen Jungen hängen Amulette, in die Pülverchen eingenäht sind, andere haben sich Behälter von Nasensprays an die Brust geheftet oder Frauenperücken übergestülpt. Ein kaum 16-jähriger "Kommandant" trägt auf seinen Ohren eine verbindungslose Freisprechanlage fürs Telefon zur Schau, sein Adjutant hat sich ein hölzernes Antilopengeweih auf die Stirn gebunden. Die Accessoires verliehen seinen Kämpfern "magische Kräfte", wird uns der Vizechef der abenteuerlichen Truppe, der 26-jährige "Generalmajor" Hyppolite Azounou, später verraten. Wie das genau funktioniert, sei ein "militärisches Geheimnis".

Die nächsten Dörfer am Rand der Straße sind fast alle ausgestorben. Sämtliche Bewohner der grasbedeckten Hütten sind in den Busch geflohen. In Odakete hat sich Krankenpfleger Michel Makupa erst am Vortag wieder aus dem Wald gewagt, in dem er sich neun Monate lang mit seiner Frau und seinen zwölf Kindern versteckt gehalten hatte – zwei seiner Kinder sind im Busch gestorben. Unterdessen hatten Séléka-Rebellen das Dorf und dessen Krankenstation heimgesucht: Auf dem Boden des Häuschens liegen zahllose zerbrochene Ampullen. Das Motorrad des Pflegers, der Kühlschrank und selbst das Fieberthermometer sind geklaut.

Bossangoa – die Stadt, in der der Wahnsinn tobte

Die Station gehöre als Satellit zum Hospital in Bossambélé, erzählt Makupa: Auch die dortige Klinik funktioniere nicht mehr. "Hier sind wir richtig", sagt Volker Rath. Doch erst einmal soll es nach Bossangoa gehen, der Stadt, in dem der Wahnsinn am wildesten tobte. Auf dem Weg dorthin halten zwei Mütter mit ihren kranken Kindern den Wagen an. Auf der Haut eines der Jungen haben sich bereits Hungerödeme gebildet. Rath weiß zwar nicht, ob in Bossangoa überhaupt noch ein Krankenhaus arbeitet. Doch zurückgelassen wären die Kinder in wenigen Tagen tot, sie haben keine andere Chance.

Tatsächlich findet sich in der Provinzstadt ein von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" geführtes Hospital, der einzige Ort in Bossangoa, an dem sich die in zwei Teile zerrissene Bevölkerung überhaupt noch begegnen kann. Auf dem Gelände der katholischen Kathedrale hausen mehr als 40 000 Christen zusammengepfercht unter Planen; auf dem Areal der Liberté-Schule haben sich mehr als 7000 Muslime in Sicherheit gebracht.

Statt von Mahlzeiten scheinen sich die Bewohner der beiden Lager von Berichten über Gräueltaten der Gegenseite zu ernähren: Priester Jerôme Dansona weiß von einer alten Frau, die von Séléka-Rebellen in ihrer brennenden Hütte festgebunden wurde. Und Imam Semail Nave berichtet von seinem Freund, dessen Mutter, Bruder und zwei Vettern von Anti-Balaka-Kämpfern abgeschlachtet worden seien. "Es wird lange dauern", sagt Priester Dansona, "bis der Hass verebbt."

Falls das überhaupt je geschieht. Jahrzehntelang hätten die Volksgruppen friedlich zusammengelebt, meint Imam Nave. Der muslimischen Minderheit wurden, wie einst den europäischen Juden, bestimmte Geschäftsbereiche zugewiesen – vor allem als Händler und Transportunternehmer wurden sie geduldet. Dagegen reservierte sich die christliche Mehrheit die öffentlichen Ämter: Nicht unbedingt ein Rezept für dauerhaftes harmonisches Zusammenleben. Der Sieg der Séléka-Rebellen brachte diese auf Ungleichheit setzende Konstruktion vollends zum Einsturz. Auch wenn die einheimischen Muslime mit dem Treiben der von ausländischen Kämpfern dominierten Rebellentruppe nicht unbedingt einverstanden gewesen seien, so hätten sie doch nichts dagegen unternommen, erklärt Priester Dansona.

Bossangoa sei medizinisch einigermaßen versorgt, berichtet ein Koordinator von "Ärzte ohne Grenzen". Dagegen sei das Hospital in Bossambélé tatsächlich verwaist. Also auf in die knapp 150 Kilometer entfernte Provinzstadt, die weitgehend entvölkert ist. Die Mehrheit ihrer Bevölkerung hält sich noch immer im Busch versteckt. Der Klinikchef hat sich in die Hauptstadt abgesetzt, im Krankenhaus selbst versuchen ein paar Krankenschwestern, obwohl sie seit Monaten nicht mehr bezahlt werden, den Schein der Normalität zu wahren. Der Kreißsaal ist leer, im OP fand die letzte Operation im Dezember statt, in den Regalen der Apotheke stehen nur noch wenige Medikamente herum.

In der Notaufnahme wird gerade ein vor Schmerz brüllender Junge behandelt, der mit dem Arm in einen Topf mit kochendem Wasser gefallen ist. Da keine Zinksalbe vorhanden ist, wird die Wunde nur mit einem schwachen Antiseptikum behandelt. "Das wird sich vermutlich wohl entzünden", sagt Rath. Und dann? Der Cap-Anamur-Mann gibt ausnahmsweise keine Antwort. Immerhin hat der Pionier sein Ziel gefunden. Die Kölner Hilfsorganisation wird so schnell wie möglich mehrere Krankenschwestern nach Bossambélé schicken, die Gehälter der lokalen Pflegekräfte stützen, Medikamente einkaufen und dafür sorgen, dass die 15 Außenstationen des Hospitals wieder angefahren werden.

Der Rückweg nach Bangui führt durch das Städtchen Boali, wo die Anti-Balaka-Milizionäre wie Hyänen um ihre umzingelte Beute kreisen. Ausgerechnet in einer Kirche hat die muslimische Bevölkerung Zuflucht gefunden, beschützt von einer französischen Kompanie und dem katholischen Priester, der nach eigenen Worten "eher sterben" würde, als seine andersgläubigen Schützlinge den lauernden Raubtieren auszuliefern. Wenn er dieses Tor verlasse, sei er ein toter Mann, sagt Tschari Mohamat, der seit drei Tagen mit rund 600 weiteren Muslimen auf dem Boden des Gotteshauses schläft. Sein Geschäft wurde zerstört, seine achtköpfige Familie in alle Richtungen verstreut.

Er habe seiner Gemeinde während der Messe den Kopf gewaschen, sagt Priester Xavier Fagba: Wer seinen Rachegelüsten freien Lauf lässt, solle zur Kommunion erst gar nicht nach vorne treten. Sein Appell scheint wirkungslos zu verhallen. Derzeit stellt die Schutztruppe täglich einen Konvoi zusammen, der die verängstigten muslimischen Bewohner in die Hauptstadt transportiert. Dort geht ihre Flucht weiter.

In einem großen Exodus verlassen derzeit Zigtausende von Muslimen ihre Heimat in Richtung Tschad – eine ethnische Vertreibung, die selbst in Afrika ihresgleichen sucht. Der Gedanke, dass in "seinem" Hospital künftig nur noch Christen behandelt werden, ist Rath ein Gräuel: "Aber Politik können wir hier keine machen. Wir müssen helfen, wo und wem wir können."

 

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http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/ausland/ein-land-voller-hass--80147344.html