Von Bremen nach Bossembélé

Artikelinfo
Datum: 
20.10.2016
Autor: 
Isabel d‘Hone
Quelle: 
Weser Kurier

Gesichter der Stadt: Igor Kindler arbeitete sechs Monate in einer Klinik in der Zentralafrikanischen Republik

Bremen. Als der Allgemeinmediziner Igor Kindler die Zusage für einen sechsmonatigen Aufenthalt in der Zentralafrikanischen Republik erhielt, überlegte er nicht lange: Er kündigte seine Arbeitsstelle und reiste in das von der Hilfsorganisation „Cap Anamur“ unterstützte Krankenhaus in Bossembélé, um den Menschen mit seinen medizinischen Kenntnissen zu helfen. In der Stadt leben rund 11 000 Menschen, sie liegt 160 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bangui. Nun ist der 42-Jährige wieder zurück in Bremen und schaut sich bereits nach dem nächsten Entwicklungshilfeprojekt um, das er unterstützen kann.

(Foto: Frank Thomas Koch)

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Mit dem Gedanken, ins Ausland zu gehen und dort als Arzt zu arbeiten, spielte Igor Kindler schon lange. „Jeder Mediziner hat im Hinterkopf, irgendwann ein Projekt im Ausland zu machen“, sagt er. „Viele möchten helfen.“ Als er 2015 einen Kursus über Tropenmedizin in Hamburg besuchte, stellte sich dort „Cap Anamur“ vor. „Dadurch kam der Kontakt zustande“, erzählt der Allgemeinmediziner. „Und ich dachte, dass ich es jetzt machen muss, bevor ich zu alt bin oder etwas anderes dazwischenkommt.“ Mit seinen Französischkenntnissen hatte Kindler einen Vorteil gegenüber Bewerbern, die nur Englisch sprachen, und so startete er im April seine Arbeit in Bossembélé. „Durch den Bürgerkrieg ist dort viel zerstört“, sagt der 42-Jährige. „Ich habe im Krankenhaus und in den umliegenden Ortschaften gearbeitet. Das hat sich schnell herumgesprochen, und ich hatte 30 bis 40 Patienten täglich.“ In dem Krankenhaus gibt es einen Chefarzt, zwei Medizinstudenten, zwei Krankenschwestern und einen Arzt der Hilfsorganisation. „Ohne uns würde also auch nicht alles zusammenbrechen“, sagt Kindler. Sie seien vielmehr eine Unterstützung der einheimischen Beschäftigten.

Seit zwei Jahren leistet der gemeinnützige Verein „Cap Anamur – Deutsche Not-Ärzte“ medizinische Hilfe für Menschen in der Zentralafrikanischen Republik. Dort herrscht seit über zwei Jahren ein Bürgerkrieg, in dem sich die islamische Rebellenallianz „Séléka“ und die überwiegend christliche Miliz „Anti-Balaka“ brutal bekämpfen. Unter dem anhaltenden Krieg leidet vor allem die Zivilbevölkerung. Etwa eine Million Menschen ist  auf der Flucht. Viele andere sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, weil das Gesundheitssystem des Landes in weiten Teilen zusammengebrochen ist. Das Krankenhaus von Bossembélé konnte den vielen Patienten keine adäquate Versorgung mehr bieten. Es fehlte an Medikamenten, Versorgungsmaterial, Strom und Nahrungsmitteln. Das Gebäude war renovierungsbedürftig. „Cap Anamur“ deckte zunächst den Bedarf an Verbrauchsgütern, Medizin und Lebensmitteln. Danach konnten die Mediziner, Techniker und Logistiker beginnen, die Gesundheitsversorgung vor Ort wieder aufzubauen und sie langfristig zu sichern. Monatlich kommen rund 450 stationäre und 5000 ambulante Patienten in das Krankenhaus.

Die Realität dort war für Kindler zunächst schockierend. „Nach einiger Zeit gewöhnt man sich aber daran“, sagt er. „Nach zwei Wochen wusste ich, wie es läuft.“ In Deutschland seien die Krankenhäuser sehr steril und sauber. In Bossembélé gebe es für das Krankenhaus kein abgezäuntes Gebiet, weshalb Tiere über das Gelände liefen. Auch sei es in der Kinderklinik üblich, dass drei oder vier Patienten gemeinsam in einem Bett ­liegen.

Die Hauptkrankheiten, die in der Zentralafrikanischen Republik auftreten, sind Malaria und Infektionskrankheiten wie Durchfall- und Atemwegserkrankungen. „Ich konnte viel von den Ärzten dort lernen“, sagt Kindler. „In der Theorie ist das was anderes als in der Praxis vor Ort.“ Armut ist eine der Hauptursachen für viele Krankheiten, besonders betroffen sind Kinder. Er hatte vor allem junge Patienten, ganz anders, als er es aus seiner Arbeit in Bremen gewohnt ist. „Es kam vor, dass ich mich hilflos gefühlt habe, wenn Kinder an Krankheiten verstarben, die wir in Deutschland heilen können“, sagt er. „Hunger ist ein großes Thema, weil die Versorgung durch den Bürgerkrieg schlecht ist. Allerdings habe ich auch gelernt, dass man mit relativ geringen Mitteln viel bewirken kann.“ Infektionen und Malaria konnte er mit Antibiotika gut behandeln. „Es ist schön zu sehen, wenn Kinder, die dem Tod näher als dem Leben sind, ­genesen.“

Igor Kindler hat nicht das Gefühl, dass er sich durch die Erfahrung verändert hat. Er habe zwar viel Elend gesehen, aber konnte sich innerlich darauf einstellen. „Ich habe zuvor schon 14 Jahre als Arzt gearbeitet und viel gesehen. Jetzt bin ich um eine Erfahrung reicher“, sagt er. „Zwar bin ich kein Tropenkrankheitsexperte geworden, aber sensibilisiert für bestimmte Krankheiten.“ Am liebsten würde der Allgemeinmediziner direkt in ein neues Projekt starten. Beworben hat er sich bereits und wartet nun auf eine Zusage. Falls es nicht klappen sollte, möchte er sich wieder auf eine Stelle als Allgemeinmediziner in Bremen bewerben.


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