Dr. Milan van Edig

Im Einsatz als Anästhesist in der Zentralafrikanischen Republik

Name

Dr. Milan van Edig

Alter

29 Jahre

Beruf

Anästhesist und Intensivmediziner

Einsatzland

Zentralafrikanische Republik

Einsatzdauer

6 Monate

Wie hat dein Projektalltag ausgesehen?

Mein Alltag war eine Mischung aus Struktur und ständiger, flexibler Einsatzbereitschaft. Unter der Woche startete ich mit der Frühbesprechung und anschließender Visite. Je nach Besetzung in einer oder gleich in allen Abteilungen, von der Notaufnahme bis zur Gynäkologie. Wenn wir gut aufgestellt waren, ging das schnell. Waren der Chefarzt und die Studierenden nicht und ich alleine verantwortlich für die Visite konnte sich diese bis in den Mittag ziehen.

Danach folgten meist Ultraschalluntersuchungen, vor allem in der Pränatal- und gynäkologischen Diagnostik. Dienstags und donnerstags standen Operationen an. Hier kam es oft zu mehreren Eingriffen hintereinander. Am Nachmittag gab es eine weitere Visite für neue und kritische Fälle sowie die Auswertung von Laborergebnissen. Und dann war da der unplanbare Teil: die Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft. Besonders nachts wurde ich häufig zu Notfällen gerufen. Zum Beispiel für Kaiserschnitte oder bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten. Wie häufig diese Einsätze waren, hing stark von der personellen Situation ab. Neben der medizinischen Arbeit war ich außerdem eng in organisatorische Themen wie Logistik, Finanzen und Koordination eingebunden.

Wie hast Du deine freie Zeit gestaltet?

In meiner Freizeit habe ich versucht durch Sport, entspannte Stunden in der Hängematte oder bei einem Getränk im Ort einen Ausgleich zum intensiven Arbeitsalltag zu finden.

Was hast Du besonders geschätzt?

Mit der Zeit habe ich immer mehr Vertrauen und Anerkennung in meiner Rolle gespürt. Besonders wertvoll war für mich die Wertschätzung meiner Kolleginnen und Kollegen. Nicht nur für die Arbeit, sondern auch dafür, dass ich mich bemüht habe, am Leben vor Ort wirklich teilzunehmen. Ich habe viel Zeit mit dem Team außerhalb des Krankenhauses verbracht, meine Sprachkenntnisse in Sango verbessert und versucht, die Kultur und das Land besser zu verstehen.

Was hat Dir besonders gefehlt?

Manchmal habe ich mir ein wenig mehr Anonymität gewünscht.

Gibt es Erinnerungen, die Du teilen möchtest?

Es gibt viele eindrückliche Momente, die mir geblieben sind, wie kleine innere Schnappschüsse:
die ältere Frau mit einem Schlaganfall, neben deren Bett ihr Sohn seine Weste mit Munition abgelegt hatte;
der Krankenhauswächter, der große Angst vor seinen Fieberschüben hatte und später unglaublich dankbar für Hilfe war;
ein mangelernährtes Kind, das meine Kollegin Dana voller Bewunderung anschaute;
eine bewusstlose Frau, die während der Wahlzeit statt mit einer Bibel mit Wahlflyern gesegnet wurde;
oder Patientinnen und Patienten, bei denen sich die intensive Arbeit und Planung trotz schwieriger Bedingungen ausgezahlt hat oder denen wir zumindest die bestmögliche Chance gegeben haben.

Auch ungewöhnliche Situationen bleiben in Erinnerung. Da war ein junger Mann, der als „verhext“ galt und dem es nach einer einfachen Infusion und etwas Geduld deutlich besser ging. Und nicht zuletzt die herausfordernden Momente, in denen ich mit begrenzten Mitteln Entscheidungen treffen musste oder ein Krankensaal voller weinender Kinder, der einem alles abverlangt.

Gibt es ein Thema, das dich über den Einsatz hinaus beschäftigt?

Ja, vor allem die Frage nach der Rolle moderner humanitärer Hilfe und wie sie lokale Strukturen beeinflusst. Das ist ein Thema, das mich auch nach dem Einsatz weiterhin begleitet.

Was nimmst du konkret für dein weiteres Leben mit?

Die Freude daran mich in unterschiedlichen Kulturen zuhause zu fühlen. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass man auch mit begrenzten Mitteln und ohne hochspezialisierte Ausstattung viel bewirken kann.

Was sollten Menschen in Deutschland über die Situation vor Ort wissen?

Die Gesundheitsversorgung in der Zentralafrikanischen Republik ist stark von internationaler Unterstützung abhängig. Viele Leistungen besonders für schutzbedürftige Gruppen wie Schwangere, Kinder oder HIV-Positive sollen eigentlich kostenlos sein. Ohne die Finanzierung durch NGOs und UN-Organisationen wäre das jedoch nicht möglich.

Die lokalen Krankenhäuser sind häufig darauf angewiesen, Einnahmen über den Verkauf von Medikamenten zu generieren. Das führt zu strukturellen Problemen wie z.B. einer stärkeren Ausrichtung an wirtschaftlichen Zwängen und es erschwert eine nachhaltige Verbesserung der medizinischen Versorgung. Gleichzeitig reichen diese Einnahmen oft nicht einmal aus, um das Personal angemessen zu bezahlen oder notwendige Instandhaltungen durchzuführen.

Umso wichtiger ist die externe Unterstützung, bis ein eigenständig funktionierendes Gesundheitssystem aufgebaut werden kann. In Bossembélé hat sich das Distriktkrankenhaus dank dieser Hilfe zu einer wichtigen Anlaufstelle für die Bevölkerung entwickelt. Diese Entwicklung gilt es zu erhalten und weiter zu stärken.

Was würdest Du jemandem sagen, der überlegt, selbst in den Einsatz zu gehen?

Wenn du darüber nachdenkst, selbst in den Einsatz zu gehen, hilft es, die Perspektive der Menschen vor Ort mitzudenken. Stell dir vor, du arbeitest seit Jahren in einem Krankenhaus mit gewachsenen Strukturen. Nicht alles ist perfekt, aber vieles funktioniert im Alltag. Regelmäßig kommen neue Kolleg*innen aus dem Ausland dazu. Sie sind engagiert, motiviert und haben viele Ideen. Gleichzeitig müssen sie sich erst einarbeiten: in Abläufe, Krankheitsbilder, Kommunikation und das gesamte Umfeld.

Oft bringen sie frische Impulse mit, was grundsätzlich wertvoll ist. Manche Ideen passen gut und bleiben, andere gab es vielleicht schon einmal oder lassen sich vor Ort nicht so leicht umsetzen. Gerade wenn Einsätze zeitlich begrenzt sind, bleibt manchmal wenig Zeit, um Veränderungen wirklich nachhaltig zu verankern.

Aus dieser Perspektive wird deutlich: Neben Fachwissen und Motivation ist vor allem Kontinuität ein entscheidender Faktor. Projekte profitieren besonders dann, wenn Menschen bereit sind, sich langfristig einzubringen, zuzuhören und bestehende Strukturen zu verstehen, bevor sie etwas verändern wollen. Wenn du also über einen Einsatz nachdenkst, frag dich nicht nur, was du mitbringst, sondern auch, ob du bereit bist dich zunächst in diesen für dich neuen Kontext zu integrieren und ihn zu verstehen. Damit dein Einsatz für das Projekt vor Ort auch wirklich langfristig hilfreich ist.

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