Zwei Frauen, ein Camp – Leben und Hoffnung im Sudan
Ein Erlebnisbericht aus dem IDP-Camp Nyakama über Hunger, Vertreibung und die Kraft der Solidarität.
Ein Gastbeitrag von Manuel Sollmann, Arzt im Einsatz für Cap Anamur im Sudan
Die Fahrt nach Nyakama führt durch die staubigen, glühend heißen Ebenen der Nuba-Berge im Herzen von Süd-Kordofan. Zusammengepfercht in einem alten Toyota, begleitet von vier Mitarbeitenden einer anderen Organisation und unserem Fahrer, sind wir unterwegs in eine Region, wo die Auswirkungen des Konflikts im Sudan zu spüren sind. Der Krieg bringt immer dieselben Begleiter mit sich: Hunger, Armut, Vertreibung und Kinder, die all das tragen müssen.
Unser Ziel ist das IDP-Camp Nyakama, ein Lager für Binnenvertriebene. Das Team vor Ort besteht aus drei Ernährungsberaterinnen und einem Clinical Officer. Ihr Auftrag: schwer mangelernährte Kinder identifizieren und mit sogenanntem Plumpy’Nut versorgen – einer hochkalorischen Spezialnahrung, die Leben retten kann. Für viele Kinder ist sie die einzige Chance: Normale Nahrung würde ihren geschwächten Körper überfordern, das sogenannte Refeeding-Syndrom kann tödlich sein. Selbst mit optimaler Therapie ist die Sterblichkeit hoch. Kaum ein Tod ist so schwer zu ertragen, wie der eines unterernährten Kindes – weil er vermeidbar wäre.
Ein Camp voller Würde – und voller Mangel
Bei unserer Ankunft wird das Team sofort von Müttern und Kindern umringt. Viel zu viele dünne Arme werden entgegengestreckt. Und doch ist die Atmosphäre ruhig, fast friedlich. Das Camp wirkt aufgeräumt, sauber, erstaunlich organisiert. Die Hütten aus Gras und Stroh sind kleine architektonische Meisterwerke. Ein Zeichen von Würde und Nicht-Aufgeben. Sie schützen vor Sonne, aber nicht vor Regen. In drei Monaten beginnt die Regenzeit, dann wird hier kaum etwas trocken bleiben.
Rund 8.000 Menschen leben im Camp, dazu eine ebenso von Armut betroffene Host Community. Eine Medizinische Versorgung im Camp selbst gibt es nicht. Von ehemals drei Brunnen ist nur noch einer funktionstüchtig. „Moya“ – Wasser – ist das Wort, das im Gespräch mit dem Chief des Camps immer wieder fällt. Als ich frage, was passiert, wenn auch dieser Brunnen versiegt, antwortet er ruhig: „Dann müssen wir weiterziehen.“ Eigentlich aber möchte er bleiben. Ankommen. Sesshaft werden.
Hakima – Lachen trotz Verlust
Dann wird mir Hakima vorgestellt. Sie ist jung, Mutter von drei Kindern und Witwe. Ihr Mann wurde auf der Flucht erschossen. Für Frauen wie Hakima ist das Leben im Camp besonders hart: Während junge Männer gelegentlich in der Host Community Arbeit finden, gibt es für Mütter mit kleinen Kindern kaum Möglichkeiten. Hakima ist vollständig auf die Gemeinschaft angewiesen. Eine Gemeinschaft, die selbst fast nichts besitzt.
Und doch lacht Hakima. Während wir sprechen, klettert ihre zweijährige Tochter auf ihren Schoß und lacht mit. Als Hakima lächelt, bekommt sie Grübchen. In ihren Augen liegt eine Zuversicht, die kaum begreifbar ist nach all dem Verlust. Sie bittet nicht. Sie fordert nichts. Erst auf Nachfrage erzählt sie, was sie braucht. Im Sudan teilen die Ärmsten das Wenige, das sie haben. Diese Haltung begegnet mir immer wieder. Es ist eine stille, selbstverständliche Solidarität.
Rayla – Verantwortung ohne Ressourcen
Rayla arbeitet im kleinen Health Post des Camps. Sie hat keine formale Ausbildung, versorgt aber gemeinsam mit einem ausgebildeten Pfleger aus der Umgebung nahezu allein Tausende Menschen. Medikamente gibt es kaum. Es mangelt an allem: Zeit, Material, Schutz. Ein fragiles Netz über einem Ozean an Bedarf.
Auch Rayla ist geflüchtet. Sie möchte eines Tages Krankenschwester oder Ärztin werden. In dieser Situation klingt das unrealistisch und doch widerspricht ihr Blick. Entschlossenheit. Intelligenz. Humor. Resilienz. Die häufigsten Erkrankungen im Camp sind Malaria, Lungenentzündungen und Durchfall. Das sind Krankheiten, die leicht behandelbar wären, gäbe es Medikamente, sauberes Wasser und stabile Unterkünfte.
Ein Moment Hoffnung
Als wir zurückkehren, hat sich mein Blick auf den Ort verändert: Überall sitzen Kleinkinder, die an den silbernen Plumpy’Nut-Beuteln nuckeln. Sie lachen. Spielen. Leben. Eine Gruppe Kinder hüpft um mich herum, berührt neugierig meine Haare. Mütter bitten mich, Fotos von ihnen zu machen. „Damit du dich erinnerst“, sagen sie. „Damit du uns nicht vergisst.“ Sie wissen, wie schnell Geflüchtete im Sudan aus dem Blick der Welt verschwinden.
Nyakama ist ein Ort voller Mangel – und voller Menschen wie Hakima und Rayla. Frauen, die tragen, versorgen, hoffen. Sie erinnern uns daran, warum humanitäre Hilfe mehr ist als Zahlen und Logistik: Es geht um Menschen. Und um die Entscheidung, sie nicht zu vergessen.



